Home
Über parq
Projekte
Hilfe
FAQs
Research
Presse
Suche
Kontakt
Impressum
parq-Team
Log-In
Registrieren
PresseWiener Zeitung 9/2010
Standard 05/11
Standard 04/11
Wirtschaftsblatt 03/2011
FAIR WOHNEN 03/2011
DIE PRESSE 02/2011
BAUFORUM 11/2010
Bauzeitung 11/2010
Wiener Zeitung 9/2010
Falter 9/2010
DER STANDARD 09/2010
DIE PRESSE 07/2010
die Presse 01/2006
Ein Haus wie eine Großfamilie

In der Seestadt Aspern wird es für Gruppen Gleichgesinnter Raum fürs Bauen in Eigenregie geben

Von Thomas Müller, Wiener Zeitung

Printausgabe vom Mittwoch, 29. September 2010
Online seit: Wiener Zeitung Dienstag, 28. September 2010 17:08:02"

Drei Baugruppen haben Interesse an insgesamt 80 Wohnungen angemeldet.

Der Verein B.R.O.T. plant ein interreligiöses Wohnheim.

Wien. 20.000 Menschen sollen schrittweise bis 2028 das Stadtentwicklungsgebiet Seestadt Aspern bevölkern. Bei diesen Dimensionen ist auch Platz für Außergewöhnliches, und so hat die zuständige Entwicklungsgesellschaft Wien 3420 selbstorganisierte Baugruppen eingeladen, in der Seestadt einige Wohnhäuser zu realisieren. Das Prinzip: sich mit Gleichgesinnten in einem Bauträgerverein zusammentun, ein Mehrfamilienwohnhaus "hochziehen" und dabei alles so planen, wie es die Beteiligten gerne hätten. Diese etwas andere Form der "Wohngemeinschaft" lernt sich schon lange vor Baubeginn kennen und wächst zusammen, während das Haus entsteht.

"Uns ist es wichtig, dass solche Gemeinschaften Leben in den jungen Stadtteil bringen", erklärt Josef Lueger von Wien 3420 die Motive hinter der Idee, die über Umwege nach Transdanubien kam. "Wir haben uns Stadterweiterungsgebiete in ganz Europa angesehen, und bei einem Viertel in Tübingen hat uns kleinteiliges Bauen in der Gruppe besonders gefallen. Da ist der Groschen gefallen", erinnert sich Lueger.

Dabei hätte es ein Blick in den Westen von Wien ebenfalls getan. Das prominenteste dieser Projekte ist hier wohl die Sargfabrik in Penzing, aber das erste seiner Art hat der Verein B.R.O.T Hernals in Wien auf die Beine gestellt. Die Initialen stehen für Beten, Reden, Offensein und Teilen. Die Gemeinschaft war aus der Pfarre Hernals Kalvarienberg hervorgegangen, und 1990 zogen die Bewohner in den Neubau in der Geblergasse ein. Anfang 2010 wurde das zweite B.R.O.T-Haus für generationenübergreifendes Wohnen in Kalksburg besiedelt.

Interreligiöses Miteinander

Nun will man mit einem dritten Wohnheim in Aspern für ein friedliches Zusammenleben der Religionen sorgen. Treibende Kraft hinter B.R.O.T ist Helmuth Schattovits, pensionierter Geschäftsführer des Institutes für Familienforschung, der auch als "Vater" des Kinderbetreuungsgeldes gilt. "Ich hatte die Idee zum Haus im Zusammenhang mit den vielen Berichten, worin Religion zur Auseinandersetzung, ja zum Krieg missbraucht wird", so Schattovits im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "In einem neuen Stadtteil soll Neues wachsen, nämlich ein wohlwollendes Miteinander von Menschen unterschiedlicher Spiritualität und Kultur in der alltäglichen Lebensführung unter einem Dach."

Das Grundprinzip der bisherigen B.R.O.T-Häuser soll auch Vorbild für das Aspern-Projekt sein. Es hat zwar jeder seine eigene Wohnung, aber statt dem in der Stadt üblichen Nebeneinander soll das Miteinander betont werden. Im Idealfall entsteht eine "soziale Verwandschaft" zwischen den Bewohnern, die die Funktionen der Großfamilie teilweise ersetzen kann. Nachbarschaftshilfe und gemeinsame Aktivitäten sind dabei nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Dazu gehören dann aber auch monatliche Versammlungen und das mühsame Lösen von Alltagsproblemen. Baurechtlich sind die Häuser als Wohnheime definiert. Daher gibt es keine Mietverträge und kein Wohnungseigentum, stattdessen die Mitgliedschaft im Verein. Aufgenommen werden in diesen nur jene, die auch wirklich Interesse an gemeinschaftlichem Wohnen haben.

Dass die Initiative von christlicher Seite ausgeht, sei kein Hindernis für eine interreligiöse Gemeinschaft, meint Schattovits: "Was in den Statuten dann letztlich steht, entscheidet die Gemeinschaft als Verein. Das gehört zum partizipativen Vorgehen." Er kann sich auch gemeinsames Beten und spirituelle Feste oder einen Meditationsraum vorstellen. Das müsse dann im "trial and error" ausprobiert werden. Kontakte zu verschiedenen Glaubensgemeinschaften seien schon hergestellt, zum Beispiel zu türkischen Muslimen, zum Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit, zum Ökumenischen Rat und zu buddhistischen Familien.

26 Interessenten haben sich inzwischen zusammengefunden, 30 bis 35 Mitglieder sollen es bei B.R.O.T in Aspern maximal werden. Frühestens Ende des Jahres wird der Verein gegründet, und dieser kann dann Verträge schließen und Bewilligungen einholen. Die Finanzierung wird überwiegend über Bankkredite erfolgen. 30 Prozent der Gesamtbaukosten schießt bei Wohnheimen die Stadt Wien zu, und 12,5 Prozent betragen die Eigenmittel der Vereinsmitglieder.

Schwierigste Phase geschafft

Neben B.R.O.T haben noch weitere zwei Gruppen Interesse am Bau der insgesamt 80 Wohnungen angemeldet, die in Aspern für das gemeinschaftliche Wohnen vorerst reserviert sind. Im September erfolgt die offizielle Feilbietung, mit der die breite Öffentlichkeit informiert wird. Weitere Baugruppen könnten sich im Herbst also noch formieren. "Bis jetzt ist das eher über Mundpropaganda an die Interessenten gelangt", so Josef Lueger, "durch die Größe des Gebiets können wir ihnen bei Bedarf auch zusätzliche Bauplätze zur Verfügung stellen."

Mitte 2011 soll es die ersten Baubewilligungen geben, und im Herbst können die Grundsteine gelegt werden. Für die Baugruppen wäre damit aber bereits das Gröbste geschafft, weiß Lueger aus Erfahrung: "Sich als Gruppe zu finden und gemeinsame Ziele zu formulieren, das ist die längste und schwierigste Phase."

http://www.brot-verband.at/
http://www.gemeinsam-bauen-wohnen.org/